Presseinfo des BSD e.V.:

Gerichte und Behörden lügen/oder verstecken sich hinter falschen Behauptungen!

Seit Monaten setzen sich Sexarbeiter_innen, Bordellbetreiber_innen, Kund_innen und Sympathisant_innen für die Öffnung der Bordelle ein – mit Corona-Schutzmaßnahmen, die auf jedes Bordell individuell angepasst werden können. Als Antwort wird uns von der Politik und den Behörden immer wieder vorgehalten, dass

  • „Aerosole besonders in der Prostitution ein Gefahrenpotential darstellen“,
  • „Sexuelle Dienstleistungen gingen regelmäßig mit Geschlechtsverkehr einher“
  • Hygiene-Maßnahmen in der Prostitution nicht umgesetzt werden könnten – „Es sei lebensfremd dies anzunehmen“ und „Insbesondere werde sich die Einhaltung von Hygiene- und Infektionsschutzstandards …. nicht zuverlässig umsetzen lassen. Es sei lebensfremd anzunehmen, dass die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung während der Erbringung einer sexuellen Dienstleistung umgesetzt werde. Unrealistisch sei auch die Umsetzung der Pflicht zur Erhebung der Kundenkontaktdaten. Schließlich bestünden erhebliche Zweifel, dass der Verpflichtung zur ausreichenden Belüftung der Betriebsräume nachgekommen werde. Denn die Fenster der Massageräume seien blickdicht verklebt und zur Vermeidung von Geräuschen während der Massage geschlossen zu halten.“
  • „Angesichts der besonders gewollten intimen Atmosphäre in den Bordellen, der körperlichen Erregungszustände der Beteiligten und dem Bedürfnis nach Anonymität ist anzunehmen, dass eine Kontrolle – gar durch Dritte – während der Dienstleistung an Grenzen stößt, wenn nicht sogar völlig unmöglich sein dürfte. „
  • "Es sei unrealistisch, in der Sexarbeit Hygienemaßnahmen einzuhalten".
  • eine Kontaktverfolgung nicht möglich sei, da die Kunden an ihrer Anonymität festhielten, was der allgemeinen Lebenserfahrung entspräche.

Selbst in den verschiedensten Gerichtsverfahren tragen dies Richter vor. Wir fragen uns: Woher haben sie dieses Wissen, diese Erkenntnisse, diese Lebenserfahrung? Diese falschen Behauptungen beweisen leider nur, wie groß die Unkenntnis über Sexarbeit an sich ist, wie viel in Klischees gedacht und gehandelt wird….um Nachteil unserer Rechte und der Verfestigung des Stigmas!

Doch die Realität hat bewiesen: Nicht nur von unseren Mitgliedsbetrieben in Bayern (wo seit Mitte Juli bzw. ab 31. 07. 2020 die Bordelle öffnen dürfen, wenn ein 1 : 1 Kontakt zwischen einer Sexarbeiterin und einem Kunden sichergestellt werden kann) und in Berlin (wo ab 08. 08. 2020 zunächst nur mit erotischen Massagen und BDSM-Praktiken und ab 01. 09. 2020 alle sexuellen Dienstleistungen in Bordellen wieder erlaubt sind), sondern auch von allen anderen wieder regulär geöffneten Bordellen wird berichtet:

  • sexuelle Dienstleistungen sind vielfältiger, als offensichtlich die Politik, etc. denkt. Erotische Massagen werden sehr befriedigend für die Kunden gerade in Berlin angeboten. Wie armselig wäre unsere Sexualität, wenn sie auf Verkehr reduziert würde?
  • „Lt. Befund des Robert-Koch-Instituts ist eine Verbreitung der Infektion im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich durch gesamtgesellschaftliche Anstrengungen zu vermeiden. Dazu gehören Hygienemaßnahmen, das Einhalten von Husten- und Niesregeln, Abstand halten und in bestimmten Situationen eine Mund-Nasenbedeckung tragen.“ In den geöffneten Bordellen werden diese Schutzmaßnahmen konsequent und bewiesen umgesetzt.
  • Auch geben die Kunden – wie z. B. in Restaurants – in Bordellen ihre Kontaktdaten an, denn ihnen ist ihre eigene Gesundheit wichtig und die Bedeutung der Nachverfolgung von Kontaktdaten zur Eindämmung von Corona ist ihnen bekannt.

Auch ist interessant, dass es bisher keine Erkenntnisse zu Übertragungsrisiken von Sexarbeiter_innen im Kontext von SARS-CoV-2 gibt. Im Gegenteil: „das Bundesamt für Gesundheit "BAG" aus der Schweiz (wo die Bordelle seit dem 06. Juni wieder geöffnet sind) veröffentlichte erste Zahlen zu bekannten Ansteckungsorten. Für die Rotlicht Branche sind es gute News. Trotz Befürchtungen aus gewissen Kreisen, Erotikbetriebe würden die Verbreitung des Coronavirus begünstigen, weiss man heute, dass dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Die aktuellen Zahlen, welche durch die kantonalen Contact-Tracer beim BAG eingingen, zeigen keinen einzigen Fall, der auf einen Sexclub zurückzuführen ist. Auch andere Orte mit engem Körperkontakt, wie Massagestudios oder Coiffeursalons, scheinen keinen nennenswerten Einfluss auf die Zahlen der Neuansteckungen zu haben.“

Begriffe wie „Super-Spreader“ im Kontext zur Sexarbeit sind reine Erfindungen.

Stimmen aus der Praxis:

Melanie kam aus Bayern mit folgenden Erfahrungen nach Speyer zurück:

„Die Kunden kamen vorsichtig, nicht in Massen zurück. Sie waren zu 80 % sofort mit den Maßnahmen, die getroffen werden mussten, einverstanden: Maske, Fieber messen, eingeschränkter Service, Terminvereinbarungen und Kontaktverfolgung. Alle diese Dinge, die wir vor einigen Monaten noch für undenkbar hielten, waren jetzt machbar.

Die wenigen Kunden, die in den ersten Tagen nicht einverstanden waren und deswegen weggeschickt werden mussten, kamen zu 90% Mitte der Woche wieder zurück und akzeptierten die Auflagen.“

Eva aus München:

„Für mich war die Handhabe in den ersten 2 Tagen ungewohnt. Routinehandgriffe mussten überdacht und anders gestaltet werden, das hat sich aber eingespielt.

Der Service, ein Mix aus erotischer Massage und Sex mit wenigen, gesichtsfernen Stellungen, keine oralen Praktiken, keine Küsse, keine Umarmungen - dafür aber bei Nachfrage BDSM oder Rollenspiele war variantenreicher umzusetzen als gedacht. SDL und Kunden waren am Ende des Tages zufrieden mit dem was möglich war.

Fred aus Berlin:

„Die Umsetzung der Corona-Hygienemaßnahmen hat uns schon viel Arbeit beschert und auch Sorgen bereitet: was ist möglich? Was wird klappen? Wenn wir natürlich auch nicht die alten Umsätze erwirtschaften konnten, war es ein positiver Neustart.“

Wir rufen die Politik zu einem Umdenken auf. Öffnen Sie die Bordelle – schon allein aus Gründen der Verhältnismäßigkeit und aus Schutzgründen für die Sexarbeiter_innen und die Bevölkerung.

Wir rufen alle Menschen auf uns zu unterstützen. Unterschreiben Sie unseren Appell: www.sexarbeit-gleichstellen.de Seit dem Start am 16. 07. 2020 unterstützten uns schon fast 1.300 Menschen mit ihren Unterschriften. Wir rufen alle Kunden, Freunde und Sympathisant_innen ein, uns hier zu unterstützen.

Quelle: Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e. V. (BSD)